Kommentar: Informatiker, übernehmt endlich Verantwortung!

1. Von Menschen gemachtInformatiker-Verantwortung

Wir werden überwacht, vermessen, durchleuchtet, ausgespäht und manipuliert. Aber wer steckt eigentlich dahinter? Geheimdienste? Der Staat? Datengetriebene Konzerne wie Google und Facebook? Zweifellos – aber wer hat ihnen zu dieser »Macht« verholfen? Es waren und sind die Informatiker. Also all jene, die Programme bzw. Algorithmen entwerfen und schreiben. Menschen wie du und ich, die Geld verdienen müssen und natürlich auch ein Gewissen haben. Allerdings leben viele IT-Spezialisten in ihrer eigenen (IT-)Welt und nehmen die gesellschaftlichen Folgen ihres Handelns nur dumpf wahr oder kümmern sich schlichtweg zu wenig darum.

Beispiele für ein mangelndes digitales Gewissen gibt es zuhauf: Durch eine Software-Manipulation führt VW Millionen Dieselfahrer weltweit hinters Licht. Autonome Waffensysteme entscheiden vermutlich bald über Leben und Tod. Algorithmen bei Facebook bestimmen, welche Inhalte jemand sehen darf. Das Social-Scoring-System in China entscheidet über die soziale Akzeptanz, die sich Mitbürger untereinander entgegenbringen. Auslöser solcher fragwürdigen Entwicklungen sind oftmals nicht die Informatiker selbst, aber sie tragen dazu bei, diese unethischen Visionen in Realität zu verwandeln – ungeachtet möglicher (zivilgesellschaftlicher) Auswirkungen.

2. Ethische Leitlinien

Man mag es kaum glauben, aber für Informatiker existieren ethische Leitlinien wie der Code of Ethics and Professional Conduct (ACM) oder den der Gesellschaft für Informatik (GI). Nach meiner Auffassung sind diese allerdings eher wie ein Bekenntnis formuliert, anstatt wie eine Selbstverpflichtung. Die meisten Informatiker werden diese oder ähnliche Verhaltenskodizes vermutlich nicht einmal kennen. Werfen wir mal einen Blick auf den Inhalt des Code of Ethics and Professional Conducts:

1.6 Respect privacy

[…]

Only the minimum amount of personal information necessary should be collected in a system. The retention and disposal periods for that information should be clearly defined, enforced, and communicated to data subjects. Personal information gathered for a specific purpose should not be used for other purposes without the person’s consent. Merged data collections can compromise privacy features present in the original collections. Therefore, computing professionals should take special care for privacy when merging data collections.

Hätten sich Informatiker allein an die Leitlinie »Respect Privacy« gehalten, dann würde es datensammelnde, privatsphäreverletzende Netzwerke wie Facebook heute überhaupt nicht geben. Würde sich jeder Informatiker verpflichten, die möglichen Konsequenzen seiner Software bei der Entwicklung zu berücksichtigen, gäbe es das Google von heute nicht. Wie würde unsere Welt aktuell wohl aussehen, wenn Informatiker diese ethischen Leitlinien befolgt hätten? Man kann es sich nur schwer vorstellen.

Wer die Software-Welt von heute betrachtet, stellt fest, dass die Leitlinien bzw. Forderungen kaum bis gar nicht berücksichtigt werden. Schuld an diesem Dilemma sind natürlich nicht ausschließlich Informatiker, sondern die Ursachen und Probleme für diese Fehlentwicklung sitzen viel tiefer. Fakt ist: Gerade Computer bzw. Algorithmen verändern die Welt wie nie zuvor. Es ist daher essentiell, dass wir als Informatiker uns unserer gesellschaftlichen bzw. ethischen Verantwortung endlich bewusst werden und anfangen Konsequenzen zu ziehen.

3. Der Status Quo

In der IT-Sicherheitsvorlesung an der DHBW-Karlsruhe stelle ich seit Jahren folgende Frage an meine Studierenden:

Wer von euch nutzt KEIN WhatsApp?

Üblicherweise bleiben alle Hände unten. Auf das »Warum« angesprochen kommt dann die Antwort:

Bei den anderen Messengern ist (fast) niemand…

Meine Antwort auf diese Feststellung:

Korrekt! Und als verantwortungsvolle Informatiker ist es eure Aufgabe, eure Familie und Freunde auf Alternativen wie Conversations, Signal und Co. aufmerksam zu machen.

Bei den angehenden Informatikern vermisse ich grundsätzlich die Fähigkeit, ihre eingesetzten Dienste, Software, Apps etc. kritisch zu hinterfragen. Es wird einfach das benutzt, was »gut« funktioniert und sowieso jeder bereits einsetzt. Also die üblichen Verdächtigen aus der Welt des Überwachungskapitalismus wie Google Android, Microsoft Windows oder Facebook. Bei näherer Betrachtung wird schnell klar, sie sind sich der negativen Auswirkungen ihres Handelns durchaus bewusst, es fehlt ihnen allerdings die Eigenschaft zur (Selbst-)Reflexion und (Technik-)Folgenabschätzung. Und nicht nur das: Es mangelt an Handlungsstärke bzw. dem Willen, am Status Quo etwas zu verändern. Erfahrungsgemäß braucht es einige Vorlesungstermine, bis bei den Studierenden so etwas wie ein digitales Gewissen (wieder) geweckt wird.

Aber nicht nur angehenden Informatikern mangelt es am digitalen Gewissen, sondern auch den meisten Informatikern, die bereits Jahre oder Jahrzehnte im Berufsleben stehen, handeln ähnlich verantwortungslos. Schlimmer: Sie sind für ihr Umfeld oftmals ein schlechtes Vorbild und nutzen / bewerben Dienste wie WhatsApp, die dem Überwachungskapitalismus Vorschub leisten – obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten.

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4. Appell an das digitale Gewissen

Wer, wenn nicht die Informatiker, sollten die gesellschaftlichen Folgen einschätzen können, die durch ihr eigenes Handwerk geschaffen werden? Wer, wenn nicht die Informatiker, sollten die Gesellschaft an die Hand nehmen und Alternativen zum Überwachungskapitalismus aufzeigen, der von Unternehmen wie Google und Microsoft vorangetrieben wird? Wer, wenn nicht die Informatiker, sollten mit positivem Beispiel vorangehen und datensammelnde, unsoziale Netzwerke wie Facebook boykottieren und Alternativen schaffen? Wer, wenn nicht die Informatiker, sollten die Entwicklung von menschenverachtenden Algorithmen infrage stellen? Wer, wenn nicht die Informatiker, sollten unmoralische bzw. unethische Vorgaben im Rahmen ihres Jobs hinterfragen und die daraus resultierenden Missstände klar benennen?

Angetrieben durch falsche Vorbilder, machtgesteuerte Protagonisten und profitgetriebene Entscheider haben wir die digitale Welt schon ziemlich an die Wand gefahren. Die gesellschaftlichen Folgen sind bisher nicht absehbar. Doch gemeinsam können wir es noch schaffen, die digitale Welt in eine bessere zu verwandeln – wenn wir als Informatiker endlich Verantwortung übernehmen! Das wäre wahre Größe. Es ist nämlich nie zu spät sich für das Richtige zu entscheiden.

Über den Autor | Kuketz

Mike Kuketz

In meiner freiberuflichen Tätigkeit als Pentester und Sicherheitsforscher bei Kuketz IT-Security überprüfe ich IT-Systeme, Webanwendungen und mobile Apps (Android, iOS) auf Schwachstellen. Als Lehrbeauftragter für IT-Sicherheit an der DHBW Karlsruhe sensibilisiere ich Studierende für Sicherheit und Datenschutz. Diese Themen vermittle ich auch in Workshops, Schulungen sowie auf Tagungen und Messen für Unternehmen und Fachpublikum. Zudem schreibe ich für die Computerzeitschrift c’t und bin in Medien wie heise online, Spiegel Online und der Süddeutschen Zeitung vertreten. Der Kuketz-Blog und meine Expertise finden regelmäßig Beachtung in der Fachpresse und darüber hinaus.

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